In der Leichtathletik-Szene gibt es viele Baustellen

LA-Kreisvorsitzende Annett Jokiel-Straupe ist skeptisch, dass die EM einen Run auf die lokalen Vereine auslöst.

Wenn am Montag in Berlin die Leichtathletik-Europameisterschaften beginnen, glimmt bei den heimischen Verantwortlichen die Hoffnung, dass bei einem erfolgreichen Abschneiden der deutschen Athleten der eine oder andere interessierte Sportler den Weg zu den Vereinen im Kreisgebiet findet. Die EM als Werbeträger für die kleinen Vereine – ob dieser Wunsch in Erfüllung geht, wird sich zeigen.

Kurz vor den Titelkämpfen sei die Frage erlaubt, wie es momentan um die heimische Leichtathletik bestellt ist. Und die Bestandsaufnahme ist sehr interessant, aber auch ernüchternd. So fiel im Juni der Warsteiner Läuferabend mangels Masse aus, genauso wie die Meisterschaften der Kreise Lippstadt und Soest im Juli. Doch welche Gründe gibt es für den aktuellen Rückgang bei den aktiven Sportlern?

Für die Kreisleichtathletik-Vorsitzende Annett Jokiel-Straupe wird schon in der Grundschule zu wenig für die Sportart Leichtathletik getan: „Seit Jahren versuchen wir, den landesweiten Mannschaftswettkampf „Westfalen Young Stars“, durchzuführen, ohne Erfolg. Es fehlt an geeigneten Lehrkräften.“

Auch in den Vereinen wird häufig ein Mangel an qualifizierten Übungsleitern beklagt. Ehemalige Leichtathleten haben scheinbar kein Interesse, sei es aus zeitlichen oder finanziellen Gründen, ihr Wissen an Kinder weiterzugeben.

Ähnlich sieht es Werner Brusinski, der erste Vorsitzende der LG Geseke: „Früher hatten wir für die verschiedenen Altersklassen bis zu acht Trainer. Heute sind es gerade einmal drei.“ Auch fehlt es an Kampfrichtern. Brusinski; „Für die ehrenamtliche Tätigkeit sind nur wenige bereit, ihre kostbare Zeit zu opfern.“

Genau wie Annett Jokiel-Straupe, ist für Werner Brusinski auch die Einstellung der Sportler ein Grund für sinkende Zahlen. Viele Kinder oder Jugendliche wollen sich nicht fest binden. „Früher gab es vier Grundsportarten. Heute gibt es deutlich mehr Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen“, so Brusinski weiter.

Für die Wettkampfwartin des Kreises, Renate Bauch, ist die hohe schulische Belastung der Kinder ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Aspekt: „Wenn Kinder bis 16.30 Uhr in der Schule sind, kann keiner von ihnen erwarten, um 17 Uhr beim Training zu sein. Die Zehn- und Elfjährigen fallen damit häufig für uns aus.“

Auch spielt die Leichtathletik in den Medien schon lange nicht mehr die Rolle, die sie vor vielen Jahren einnahm. König Fußball hat alle anderen Sportarten mittlerweile verdrängt.

Für Clemens Rieger, Laufwart des TSV Rüthen, könnte auch die fehlende Motivation bei einigen Eltern ein Grund dafür sein, dass es in der Leichtathletik nicht mehr richtig rund läuft. So wird ein Teil der Freizeit, der früher auf Wettkampfplätzen verbracht wurde, um die eigenen Kinder zu unterstützen, nun häufig anders verplant.

Für Carsten Hagenbruch, Schülertrainer des TSV Rüthen, ist dies ebenfalls ein Problem. Doch auch die regelmäßigen Änderungen, die der Deutsche Leichtathletikverband vornimmt, sind Hagenbruch ein Dorn im Auge: „Ich habe nichts gegen die Kinderleichtathletik, bei der der Spaß im Vordergrund steht. Doch wenn ein Achtjähriger offiziell keine 50 Meter nach Zeit laufen darf, wird es grenzwertig.“ Vieles wird versucht, die Leichtathletik wieder interessanter zu machen, um der seit Jahren stetigen Abnahme der Mitgliederzahlen entgegenzuwirken.

Noch sind etwa 815000 Athleten in 7576 Vereinen in ganz Deutschland organisiert. Dem Kreis Lippstadt gehören gerade einmal acht Vereine an. Vielleicht braucht der Kreis nur wieder einmal ein Aushängeschild, wie in den 80er Jahren den mehrfachen Deutschen Meister im Weitsprung, Jörg Klocke.

Die Leichtathletik kämpft jedenfalls weiterhin um mehr Aufmerksamkeit. Die Europameisterschaften in Berlin werden jedoch nach Meinung von Annett Jokiel-Straupe nicht einen großen Run auf die Vereine auslösen. Und sollte dieser Fall wirklich eintreten, müssen die heimischen Leichtathetikfreunde zügig nach anderen Lösungen suchen, um ihren Sport wieder anzukurbeln.

Quelle: Tageszeitung DerPatriot